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Die Freude aufs Weitermachen von Bruno Hespeler

Vor wenigen Jahrzehnten hatte die Jagd in der Gesellschaft noch einen ganz anderen Stellenwert als heute – vor allem auf dem Land. Wert und Unwert der Jagd, man könnte auch sagen Zufriedenheit oder Unzufriedenheit mit der Jagd, wurde in den „grossen“ dörflichen Kommunikationscentren diskutiert – im Gasthaus, unter der Linde vor der Kirche oder am Gartenzaun. Meinungsbildner und Trendgeber waren die Bauern, die immer irgendwie direkt von der Jagd betroffen waren.

Das hat sich radikal geändert. Die Beiz hat zugesperrt und aus dem Gasthaus wurde ein Hotel. Der Fremdenverkehr hat das Sagen. Wo es tatsächlich noch einen Stammtisch gibt, sind die Probleme andere geworden. Das liegt daran, dass sich die dörflichen Strukturen radikal gewandelt haben. Wo früher noch 20 Bauern lebten, wirtschafteten und so mit der Jagd direkt in Verbindung waren, sind es heute oft nur noch zwei oder drei. Viel entscheidender ist, dass früher zwischen den Bauern ein paar wenige „Zugereiste“ lebten. Heute ist es umgekehrt.

In der Meinungsbildung bezüglich Jagd und Natur stehen sie besten Falles in der Mitte zwischen Bauer und städtischer Bevölkerung, häufig der Stadt näher als dem Land. Damit änderte sich der Stellenwert der Jagd wie die Erwartungen, die man an sie hat.

Was der Jäger darf, welche Aufgaben er zu erfüllen und welche Tierarten er zu dulden hat, das bestimmt heute der Trend. Er ist das von den Medien verwendete Saatgut. Die Ernte ist ein gemaltes Bild von Jagd und Natur, eines das Wünsche als Realität erscheinen und Unangenehmes weglässt, aber eines das breite Zustimmung erfährt. In dieser Welt tut sich der Jäger mit seinen draußen gewonnenen Erfahrungen und Eindrücken schwer. Er droht als Meinungsbildner unterzugehen. Und dennoch findet ein lauter Schrei von ihm weniger Verständnis als ein besonnenes, fundiertes Argumentieren.

Trotzdem lohnt Manches von dem, was uns Medien und Gesellschaft vorhalten, beachtet zu werden. So ein wenig ist es mit der Jagd halt wie mit dem Wetter: Während Sommerhitze und Trockenheit den Bauern die Ernte zerstören, jubelt eine Mehrheit – frei nach Rudi Carrell selig – über „einen Sommer, wie er früher immer war“.

Noch hat die Schweizer Jagd in der Bevölkerung einen weit größeren Rückhalt als die Jagd jenseits des Rheins. Noch ist sie auch ein kleines Stück Schweizer Identität. Wenn es ihr gelingt, dies mit Besonnenheit und Weitsicht zu erhalten, dann hat sie Großes geleistet. Mit dem Schaffen von Feindbildern, mit dem Verächtlichmachen Andersdenkender kann eine zahlenmässig unbedeutende Splittergruppe der Bevölkerung nur verlieren, ein Blick über den „Bach“ hinüber zeigt das.

Die Zeiten mögen für den Jäger schwer geworden sein, aber sie bieten ihm Aufgaben, für die er gebraucht wird – von Gamsräude über Wildverbiss und Stadtflucht von Wildtieren bis Schweinepest und Landschaftspflege. Der Jäger, so er diese Aufgabe ernst nimmt, produziert viel: Jungwald ebenso wie fantastische Lebensmittel, Lawinenschutz wie Naturerlebnis für Nichtjäger. Den zuweilen erhobenen Vorwurf, dass er an der Jagd Freude empfindet und alles andere nur zufälliges Nebenprodukt sei, sollte ihn stolz machen. Genau daran – an der immer wieder neuen Freude am „Beruf“ – fehlt es heute wie nie in der Geschichte. Rationalisierung, Gewinnmaximierung, das Wachsen oder Weichen – das sind heute die Marksteine, an denen sich die Welt orientiert, an denen sich Menschen zu einem Erlösung versprechenden Tag hangeln – dem Ausscheiden aus dem Arbeitsleben. Nichts von dem betrifft den Jäger. Er lebt von und mit der Begeisterung, er braucht nicht Stress und Hektik um sich selbst wichtig und ernst zu nehmen. Er freut sich nicht aufs Aufhören, sondern aufs Weitermachen. Reicher kann man nicht sein!